Kniepunkt
Kolumne über die Widersprüche der digitalen Gegenwart.

KNIEPUNKT 017: KI Weihnachten

Created on 2025-12-20 21:39

Published on 2025-12-21 07:30

Pünktlich zum Fest der Besinnlichkeit wird mir diese Tage die Frage gestellt, ob ich die Künstliche Intelligenz eigentlich kritisch sehe. Zugegeben, meine „Kniepunkte” nähren sich vornehmlich von der täglichen Absurdität, die uns die Tech-Giganten als Fortschritt servieren. Doch lasst mich eines klarstellen: Wer das Groteske benennt, ist noch lange kein Misanthrop. Im Gegenteil. Für mich ist KI ein wunderbares Werkzeug mit gigantischem Potenzial, der Menschheit zu nützen – wenn wir es richtig einsetzen.

Wir stehen an der Schwelle zu einer Ära, in der das Werkzeug klüger sein will als sein Meister. Die paradoxeste KI-Nachricht dieses Jahres stammt aber nicht von OpenAI, sondern von Gartner: KI könnte Menschen denkfaul machen. Gesagt von denselben Organisationen, die Unternehmen seit Jahren zur Automatisierung drängen. Das ist, als würde der Fitnesstrainer warnen, dass das Laufband das Gehen ersetzt.

Studien zeigen: KI spart zwar Zeit bei Routinetätigkeiten, die Produktivität steigt dadurch jedoch nicht automatisch. Was wir gewinnen, füllen wir sofort mit mehr Meetings. Während die Rechenleistung explodiert, versinkt der Mensch im Sofa der Bequemlichkeit? Ist das ein Naturgesetz? Ich wage zu widersprechen. Der Mensch ist kein Wesen, das zum Herumliegen geschaffen wurde. Wir wollen erschaffen, gestalten, uns reiben – die KI ist dabei lediglich die Leinwand, nicht der Pinsel.

Doch die Schöpfung braucht Freiheit, und hier beginnt die Ironie. LG hat sich dazu entschieden, seinen Kunden das „Glück“ des Copiloten schmackhaft zu machen und das per Dekret. Er wird eingeschaltet, ob man will oder nicht. Zwar kann man ihn ausblenden, wie einen unangenehmen Verwandten beim Weihnachtsessen, aber er bleibt am Tisch sitzen. Er hört zu. Er wartet. Zumindest für die Organisationen ohne ausreichende IT-Abteilung.

Während die IT-Abteilungen noch über Compliance-Richtlinien brüten, hat die Realität sie längst überholt. Eine aktuelle Studie belegt, was jeder ahnt: Die sogenannte „Schatten-KI“ breitet sich in den Büros schneller aus als Excel oder Access in ihren wildesten Jahren. Der Mitarbeiter von heute lässt sich nicht die Hände binden, wenn das goldene Werkzeug zum Greifen nah ist. Er nutzt es – heimlich, still und leise.

Die Aufgabe der Unternehmer besteht nun darin, Ventile zu schaffen. Man kann den Fluss nicht aufhalten, man muss ihn kanalisieren. Wir brauchen keine Verbote, sondern Katalysatoren.

Dieses Jahr war ein „KI-Jahr“, und das nicht nur im linguistischen Sinne. Es war das Jahr, in dem die Maschine lernte, uns den Spiegel vorzuhalten. Ich freue mich darauf, diesen Spiegel auch im nächsten Jahr wieder mit einer gehörigen Portion Ironie zu polieren.

In diesem Sinne: Genießt die Feiertage – und entscheidet selbst, wann Ihr den Stecker zieht.

Zum Weiterlesen:

Gartner – Productivity Paradox & „Cognitive Load“

Schatten-KI

Copilot-Zwang bei LG